bg-photo

Das „Liebhaberei-Wahlrecht“ bei kleinen Photovoltaikanlagen

Ist die ersehnte Erleichterung auch immer sinnvoll?

Wer als Privatperson auf dem Dach seines Einfamilienhauses eine Photovoltaikanlage betreibt, ist vermutlich auf (oft unliebsame) steuerliche Fragestellungen und Pflichten gestoßen, die sich im Regelfall von der Einkommen-, über die Gewerbe- bis hin zur Umsatzsteuer erstrecken. Mit Schreiben vom 02.06.2021 eröffnet die Finanzverwaltung nun die Möglichkeit, zumindest eine kleine Photovoltaikanlage gänzlich ohne Relevanz für die Einkommensteuer betreiben zu können. Bringt dieses Angebot tatsächlich die versprochene bürokratische Entlastung?


Welche Erleichterungen gibt es derzeit schon?

Aus umsatzsteuerlicher Perspektive besteht bereits die Möglichkeit, auf Antrag unter den Voraussetzungen der sog. Kleinunternehmerregelung eine Photovoltaikanlage ohne umsatzsteuerliche Pflichten, wie Umsatzsteuervoranmeldungen und -jahreserklärungen zu betreiben. Diesen Umstand hat man sich aber stets über einen Verzicht auf den ökonomisch eigentlich sinnvollen Vorsteuerabzug aus der Anschaffung der Photovoltaikanlage zu erkaufen. Auch für gewerbesteuerliche Zwecke ist der Gesetzgeber bereits aktiv geworden und hat eine grundsätzliche Steuerbefreiung für kleine Anlagen mit einer Leistung bis 10 Kilowatt gesetzlich normiert; hiervon unabhängig war eine Gewerbesteuer bei Kleinanlagen in Anbetracht des für Personenunternehmen geltenden Freibetrags ohnehin fast nie angefallen.


Was ist neu?

Hieran anknüpfend räumt die Finanzverwaltung dem Steuerpflichtigen mit dem neuen Schreiben vom 02.06.2021 nun auch für einkommensteuerliche Zwecke die Möglichkeit ein, den Betrieb der Photovoltaikanlage auf Antrag von vornherein als unbeachtliche Liebhaberei zu qualifizieren. Die Notwendigkeit der Einführung einer derartigen Option leitet die Finanzverwaltung – sicherlich nicht ganz uneigennützig – aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre und der enormen Anzahl an arbeitsintensiven Fällen ab, bei denen im Rahmen einer Einzelbetrachtung jeweils zunächst die Frage nach der Gewinnerzielungsabsicht mittels einer Prognoserechnung individuell geprüft und anschließend jährlich entsprechende Anlagen G und EÜR über die erzielten geringfügigen gewerblichen Einkünfte verarbeitet werden mussten.


Die Umsetzung des neuen „Liebhaberei-Wahlrechts“ erfolgt mittels formfreiem schriftlichem Antrag des Steuerpflichtigen, der durch das Finanzamt ungeprüft akzeptiert wird. Der Anwendungsbereich ist jedoch begrenzt und die Antragsmöglichkeit gilt nur für Photovoltaikanlagen

  • mit einer installierten Leistung von bis zu 10 Kilowatt
  • die auf (ausschließlich) zu eigenen Wohnzwecken genutzten oder unentgeltlich überlassenen Ein- und Zweifamilienhausgrundstücken einschließlich Außenanlagen (z. B. Garagen) installiert sind (ein ggf. steuerlich geltend gemachtes Arbeitszimmer ist unschädlich) und
  • nach dem 31. Dezember 2003 in Betrieb genommen wurden


Und was bringt das „Liebhaberei-Wahlrecht“?

Die Wirkung des Antrags entfaltet sich nicht nur prospektiv für künftige Veranlagungszeiträume, sondern wirkt auch in diejenigen (Alt-)Jahre zurück, die einer verfahrensrechtlichen Änderungsmöglichkeit noch zugänglich sind. Hauptanwendungsfälle werden Konstellationen sein, bei denen die Finanzverwaltung die bisherige Überschussprognose des Steuerpflichtigen nicht abschließend geprüft hat bzw. prüfen konnte und eine Veranlagung unter dem Vorbehalt der Nachprüfung bzw. unter Aufnahme eines entsprechenden Vorläufigkeitsvermerks erfolgt ist oder man sich ggf. über diese Frage streitet und deshalb in einem Rechtsbehelfsverfahren befindet.

Dies sollten im Regelfall genau diejenigen Jahre sein, in denen man durch den Ansatz eines Investitionsabzugsbetrages bzw. die Möglichkeit der Nutzung von Sonderabschreibungen vorläufige Steuererstattungen erzielt hat, die sich sodann durch Ausübung des Wahlrechts ins Gegenteil verkehren würden. Bei der Betrachtung der individuellen Vorteilhaftigkeit einer Ausübung des „Liebhaberei-Wahlrechts“ sollte daher stets die materielle Wirkung der Änderung sämtlicher relevanter Veranlagungszeiträume in eine Gesamtbetrachtung mit einbezogen werden. Zu beachten ist auch, dass bei künftigen ggf. kostspieligen Reparaturen keine Rückkehr zur Steuerpflicht möglich ist.

Etwas Anderes ergäbe sich nur, wenn die Photovoltaikanlage aufgrund einer Aufrüstung über eine Leistungskapazität von 10 Kilowatt hinaus aus dem Anwendungsbereich der Vereinfachungsregelung ausscheidet. Dieser Umstand ist dem Finanzamt schriftlich mitzuteilen.

Praxishinweis

Das Liebhaberei-Wahlrecht gilt analog auch für den Betrieb eines kleinen Blockheizkraftwerks mit einer Leistung von bis zu 2,5 Kilowatt. Das Liebhaberei-Wahlrecht muss selbstverständlich nicht genutzt werden. Vielmehr steht es dem Anlagenbetreiber zu, je nach Interessenlage Anfangsverluste aus seiner Investition durch Nachweis der Gewinnerzielungsabsicht über die Gesamtperiode zur Generierung bzw. Schonung der Liquidität in der meistens kritischen Investitionsphase zu nutzen.

Mehr Aktuelles?

Gerne möchten wir Sie über aktuelle Themen und Veranstaltungen per E-Mail auf dem Laufenden halten. Bitte melden Sie sich hier für unseren Newsletter an: